Interview mit Ralf Guido Herrtwich und Peter Häußermann
Der Informatiker Ralf Guido Herrtwich leitet den Bereich Infotainment und Telematik in der Konzernforschung und Vorentwicklung der Daimler AG.
Der Elektrotechniker Peter Häußermann leitet den Bereich Elektrik/Elektronik Telematik innerhalb der Entwicklung
Mercedes-Benz Cars.
Herr Häußermann, Herr Herrtwich, für welche Aufgaben stehen Ihre beiden Bereiche innerhalb der Daimler-Forschung und Entwicklung?
Herrtwich: Telematik umfasst für uns drei Anwendungsfelder: Medien, also alle Audio- und Videoangebote im Fahrzeug, dann die Kommunikation, vom einfachen Telefonieren bis zu mobilen Internetdiensten, und schließlich Navigation, von der gewohnten Zielführung bis hin zur Unterstützung moderner Assistenzsysteme durch Informationen aus der digitalen Karte. In der Vorentwicklung spüren wir auf der Basis eigener Forschungsarbeit und Technologiebeobachtung, aber auch durch unsere Kontakte zu Zulieferern und Universitäten neue Funktionen in allen drei Anwendungsgebieten auf; wir wählen aus, welche neuen Technologien für Mercedes-Benz geeignet sind, und sichern ab, dass diese in einem späteren Serienprojekt bestehen können. Zugleich kümmern wir uns um die Architektur dieser Systeme: Aus welchen Komponenten bestehen sie? Wie sind Funktionen auf die Komponenten verteilt? Wie sind die Komponenten miteinander vernetzt? Leichte Testbarkeit, flexible Erweiterbarkeit und ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis sind nur einige der Kriterien, die wir dabei berücksichtigen müssen. Unser besonderes Augenmerk gilt allen Komponenten der Mensch-Maschine-Schnittstelle, denn über diese transportieren wir letztlich unsere Funktionen an den Benutzer. Wer bei uns arbeitet, muss nicht nur ein Gespür für Innovationen mitbringen, die die Kunden wirklich haben wollen, sondern auch über eine ausgeprägte Beurteilungsgabe verfügen, denn die Hauptaufgabe der Vorentwicklung ist es, im Vorfeld der späteren Entwicklungsphase die Spreu vom Weizen zu trennen.
Häußermann: Die Mission der Entwicklung ist, konkurrenzfähige Telematiksysteme, das heißt alle Systeme, die mit Multimedia, Information und Kommunikation im Fahrzeug zu tun haben, rechtzeitig mit hoher Qualität für den Serieneinsatz fertig zu stellen. Natürlich gehört auch die Pflege und regelmäßige Weiterentwicklung der Funktionalität während des gesamten Produktlebenszyklus vollumfänglich dazu. Haben wir früher traditionell Systeme für Europa, USA und Japan entwickelt, kommen heute noch China, Russland, Korea als wichtige, eigenständige Volumenmärkte hinzu. Über die Zahl der Märkte, die Zahl der zu koordinierenden Zulieferer, die Vielfalt der Funktionalität ergibt sich eine enorme Komplexität, die es entwicklungsseitig zu beherrschen gilt und die natürlich auch in aufwendigen Testverfahren weltweit abzusichern ist. Der Schlüssel ist eine hoch motivierte Mannschaft, eine baureihenübergreifende Modulstrategie und eine wirksame Prozess- und Toolunterstützung.
An welchen Projekten arbeiten ihre Bereiche zurzeit zusammen?
Herrtwich: Im Mittelpunkt steht augenblicklich die Arbeit an der Telematik für die künftige S-Klasse. Wir wollen sowohl im Hinblick auf Funktionalität als auch in Anmutung und Bedienkomfort neue Maßstäbe setzen – und zwar für alle Fahrzeuginsassen, nicht nur für den Fahrer.
Häußermann: Die Arbeit an der Telematik für die zukünftige S-Klasse ist dann erfolgreich, wenn diese neue Gerätegeneration nicht nur Maßstäbe für die S-Klasse setzt, sondern auch über alle Baureihen ausgerollt werden kann. Hier ist der enge Schulterschluss mit der Vorentwicklung schon sehr früh notwendig, um die Konzepte so zu gestalten, dass sie sich kostenseitig und funktional auch in den kleinen Baureihen umsetzen lassen können. Praktisch jeder von uns verspürt beim Bedienen neuer Infotainmentgeräte im Automobil den Wunsch nach Einfachheit, aber Eleganz.
Welche Rolle spielt bei Ihnen die einfache Bedienbarkeit der im Auto eingebauten Geräte?
Häußermann: Die einfache Bedienbarkeit der Geräte ist der Schlüssel zur Kundenzufriedenheit. Der Kunde will sich in sein Auto reinsetzen, keine großartigen Einweisungen anhören und dann am liebsten alles sofort, intuitiv und logisch bedienen können. Der Weg kann nicht sein, alles, was man an Funktionalität realisieren könnte, ins Auto zu bringen, sondern sich auf das zu konzentrieren, was im Fahrzeug einen kundenerlebbaren Mehrwert bringt. Welche Funktionen das sind und wie sie bedient werden sollen, ist marktspezifisch durchaus unterschiedlich. Eine der acht Serienabteilungen beschäftigt sich daher – zusammen mit dem Design und der Vorentwicklung – ausschließlich mit den Bedien- und Anzeigekonzepten für unsere Fahrzeuge.
Herrtwich: Einfaches Bedienen ist auch deshalb wichtig, weil es gleichzeitig sicheres Bedienen bedeutet. Wir wollen die Ablenkung des Fahrers durch das Telematiksystem auf ein Minimum beschränken, denn nichts geht über das sichere Führen des Fahrzeugs. Hier kann man schon durch die richtige Auswahl der eingesetzten Bauelemente viel tun, seinen es leicht ablesbare Anzeigen und Bildschirme oder Schalter, die man nahezu blind findet. Für einige unserer Kunden ist die Sprachbedienung der beste Weg, denn dann können sie beide Hände am Lenkrad behalten; für mich ist es erstaunlich, welche Fortschritte gerade diese Technik in den letzten Jahren gemacht hat und wie zuverlässig sie heute funktioniert.
Bedeutet dabei „einfache Bedienbarkeit“ für alle Kunden dasselbe?
Häußermann: Leider nein! Es gibt sehr viele individuelle Nutzungsgewohnheiten der Telematik im Fahrzeug. Allen gleich ist: Die Grundfunktionen müssen einfach zu finden und zu bedienen sein. Es gibt aber auch Power-User, die spezielle Funktionen nutzen wollen und auch mit der Komplexität solcher Funktionen umgehen können und wollen. Wichtig ist, dass der logische Bedienablauf für den Kunden einfach erfassbar ist, und dass das Systemverhalten den Kunden nicht mit unerwartetem „Sonderverhalten“ überrascht.
Herrtwich: Einfachheit heißt oft auch, das zu bringen, was Kunden erwarten. Das ist in der Telematik oft nicht einfach: Jedes Telefon baut seine Menüs anders auf. Aber wenn sich eine Art der Bedienung durchsetzt, ist man gut beraten, diese zu übernehmen: Wenn iPods mehr als 70 Prozent Marktanteil im Bereich der Medienspieler haben, dann liegt es nahe, im Telematiksystem die von dort gewohnten Bedienschritte nachzubilden.
In der Telematik folgen Gerätegenerationen manchmal schon im Abstand weniger Monate aufeinander. Ein Fahrzeugmodell ist aber mindestens ein paar Jahre am Markt. Ist diese zeitliche Kluft für Sie ein Problem?
Häußermann: Natürlich ist das ein Dauerkonflikt. Wir lösen das so, dass wir unsere Geräte in den Änderungsjahren kontinuierlich an die Entwicklungen anpassen. Vieles lässt sich hier über Software erledigen. Was sich so nicht lösen lässt, versuchen wir über Schnittstellen zu portablen Consumergeräten und/oder über Zubehörlösungen abzufangen. Mercedes-Benz-Accessoires kann durch andere Entwicklungsabläufe aktuelle Zubehörteile schneller an den Markt bringen.
Herrtwich: Wenn wir die Vision umgesetzt haben, von der Peter Häußermann vorhin sprach, das „Aggregateprinzip“ für die Telematik und die damit verbundene Nutzbarkeit ein und desselben Systems in allen Baureihen, können wir neue Systemgenerationen unabhängig von konkreten Fahrzeugmodellen und eher im „Eigentakt“ des Telematikmarktes entwickeln. Und wo wir schon über Softwareänderungen gesprochen haben: Gerade neue portable Geräte, die unter Umständen noch gar nicht auf dem Markt waren, als wir unser System entwickelt haben, werden wir nur dann anschließen können, wenn wir gezielte Softwareänderungen erlauben, die die neuen Funktionen dieser Geräte erschließen.
Und wie begegnen Sie der Herausforderung, mit der hohen Schlagzahl in der Telematik Schritt halten zu können?
Herrtwich: Man muss schon ein offenes Auge und Ohr für die Entwicklungen im Medienbereich, in der Telekommunikation und in der Informationstechnik haben, und das in den verschiedensten Regionen, sei es hier in Europa, in Japan, wo traditionell sehr viele neue Telematikfunktionen entstehen, oder in den USA. Unser Standort in Palo Alto hilft uns sehr, durch Kontakte zu dortigen IT- und Elektronikfirmen schon früh über das informiert zu sein, was demnächst auf den Markt kommt.
Häußermann: Unsere vorwiegend japanischen Zulieferer sind allesamt am Nachrüstmarkt aktiv. Sie experimentieren dort mit erheblichem zeitlichem Vorlauf, mit neuen Gerätekonzepten bzw. Funktionalitäten und sammeln wichtige Erfahrungen zu Kundenakzeptanz und reifegradrelevanten Fragen. Über einen sehr engen regelmäßigen Erfahrungsaustausch mit diesen Firmen gelingt es uns in der Regel, ein sehr gutes Bild zur zukünftigen Technolgieentwicklung bzw. zu Markttrends zu erhalten.
Welche neuen Entwicklungen und Funktionen halten Sie beide jeweils für die momentan spannendsten?
Herrtwich: Die Verbindung der Telematik zu den Fahrerassistenzsystemen ist ein Gebiet, von dem ich in Zukunft noch viel erwarte. Informationen aus einer digitalen Karte oder von Kommunikationsquellen außerhalb des Fahrzeugs können diese Systeme noch zuverlässiger und wirkungsvoller machen. Das steigert die Fahrzeugsicherheit und senkt den Verbrauch – und macht die Telematik noch unverzichtbarer für die Fahrzeuge der Zukunft.
Häußermann: Die Entwicklung der portablen Endgeräte und das Zusammenwachsen von Telefon, Multimedia und Navigation in einem Handy, in einem iPhone oder in einem „Ultra mobile PC“ halte ich für hochspannend. Die Integration dieser Geräte in die Welt der Fahrzeugsysteme wird eine spannende Aufgabe. Wir sehen hier erst die Spitze des Eisberges. Auch für die Bedienkonzepte sehen wir hier neue und kreative Impulse, die wir für unsere Systeme vorteilhaft aufgreifen können und werden.