Fahrzeugdesign – Auf der kreativen Insel
Das Advanced-Design-Studio in Irvine speist Inspirationen aus Kalifornien in den globalen Ideenwettbewerb um zukunftweisende Fahrzeuge ein.

Advanced-Design-Studios: Zukunftsströmungen attraktive Formen verleihen
 
Hinter der verspiegelten Glasfassade von Cowan Street in Irvine wird beständig über die automobile Zukunft nachgedacht, auch wenn nur wenige der hier produzierten Ideen je das Licht der Öffentlichkeit erblicken. Wer das Glück hat, ins ­Advanced-Design-Studio Nordamerika von ­Mercedes-Benz bei Los Angeles eingelassen zu werden, kann Einblicke in das Brainstorming der Fahrzeugdesigner gewinnen, deren Arbeit sonst als Geheimnis sorgfältig gehütet wird. Für den Hightech Report allerdings lüftete das Team kurz den schwarzen Vorhang, hinter dem neue Prototypen sonst vor neugierigen Blicken geschützt sind.
Auf Podesten im Design-Center stehen futuristische Konzepte im Maßstab 1:4, an den Wänden hängen großformatige Skizzen von Fahrzeugen, die entweder auf Autoshows von Los Angeles bis Frankfurt vorgestellt oder nur für interne Entwicklungsstudien angefertigt wurden: ein Allrad-angetriebenes Such- und Rettungsfahrzeug mit Stollenreifen für die Wüste, komplett mit neuester Satellitentechnik, Bergungsgerät und Brennstoffzellenantrieb; einluxuriöses, viertüriges Cabriolet namens „Ocean Drive“, das die geschmeidige Kraft der S-Klasse mit der Eleganz des legendären
300 D „Adenauer“ aus den 1960er-Jahren verbindet; ein Prototyp des Forschungsfahrzeugs F 700, für dessen aerodynamisches Profil der Delfin Pate stand und das unter der Haube mit neuester Technik für Fahrsicherheit und Komfort glänzt, und schließlich eine kühne Fahrzeugstudie mit dem Codenamen „Silverflow“, die sich wie ein Projektil aus flüssigem Metall je nach Fahrbedingungen auf Knopfdruck ändert. Das Science-Fiction-Gefährt lässt sich stauchen oder strecken und kann sich sogar selbstständig reparieren – die Inspiration von Spezialeffekten aus Hollywood-Streifen wie „Terminator“ lassen durchaus grüßen.
„Advanced Design ist eine kreative Oase, eine Insel im Produktionsbetrieb, auf der man seinen Gedanken freien Lauf lassen kann, ohne immer sofort an die Serienreife zu denken“, erklärt Gorden Wagener, Vice President für Global Advanced Design. Der 39-jährige deutsche Designer leitet nicht nur das Studio in Kalifornien, sondern ist ebenso für die zwei weiteren Ideenschmieden in Sindelfingen und Yokohama zuständig. Insgesamt rund 60 Designer arbeiten an drei Standorten an jenen Konzepten, die die Marke Mercedes-Benz bis zu einem halben Jahrhundert oder länger in die Zukunft blicken lassen.
„Wir sind zwar alle Künstler, müssen aber zugleich auch ein halber Ingenieur sein“: Gorden Wagener leitet derzeit den Bereich Strategisches Advanced Design und ist in dieser Funktion auch Chef der Mercedes-Designstudios in Kalifornien und Japan.
Er übernimmt ab Mitte 2008 die Leitung des weltweit tätigen Designbereichs von Mercedes-Benz.
Designer und Modelleure arbeiten hinter verschlossenen Türen sowohl an der äußer­lichen Formensprache als auch in enger Abstimmung mit Ingenieuren an der Technik, die sich unter oft futuristisch anmutenden Hüllen verbirgt. Ergänzt werden die drei Studios von einem weiteren Center in Como, das sich um Interior Design kümmert. Dessen 20 kreative Köpfe sind bei Ideen zur Innenausstattung neuer Fahrzeuge ganz Ohr und Auge für die Einflüsse des benachbarten Mode- und Möbelzentrums Mailand.
Aus diesem globalen Verbund entsteht ein „ständiger Wettbewerb um die besten Lösungen“, erklärt Wagener bei einem Rundgang durch den von außen unscheinbaren Bau in Orange County. Auf zwei Stockwerken und in einem von neugierigen Blicken geschützten Innenhof mit den in Südkalifornien allgegenwärtigen Palmen arbeitet sein Team an neuen Konzepten und Modellen. Zur Hälfte fließen sie in das aktuelle Produktionsdesign am deutschen Hauptsitz in Sindelfingen ein, an dem neue Modelle von der B-Klasse über die G-Klasse bis zur S-Klasse geplant werden. Zur anderen Hälfte fokussiert Wageners Team die Energien auf kühne Visionen des Fahrens im 22. Jahrhundert: Ideen, die sich fürs Erste nur auf dem Reißbrett manifestieren oder auf einem Monitor landen.
„Design ist emotional. Darin kommt nicht nur die Handschrift des Designers zum Ausdruck, die Einflüsse des Standorts sollten ebenfalls spürbar sein. Wir sind zwar alle Künstler, aber gleichzeitig müssen wir zur Hälfte Ingenieure sein“, sagt Wagener über den Balanceakt aus ästhetischem Anspruch, technischer Innovation und präzisen Vorgaben. Treffen diese Punkte in einer perfekten Konstellation zusammen, wird aus einer ersten, in Irvine, Yokohama oder Sindelfingen gescribbelten Skizze rund drei Jahre später ein neues Fahrzeugmodell für den weltweiten Markt. So entstanden etwa die Konzepte für den neuen CL oder den neuen SLK in Südkalifornien. Auch der Prototyp eines höchst ungewöhnlichen Kleinwagens – damaliger Codename MCC – kam aus Irvine. Seit Anfang dieses Jahres fährt er als smart fortwo durch kalifornische Citys.  
„Wenn man sein Baby auf der Straße sieht, ist das schon ungeheuer befriedigend.“
Chris Rhoades, Designer im Studio Irvine
Designer achten aufmerksam auf ihre Erfolgsquote vom Notizblock zum Showroom. „Für einen Designer gibt es ein ultimatives Ziel: Sein Fahrzeug soll in die Endauswahl kommen und im besten Fall gebaut werden“, sagt Christopher Rhoades, der seit 1987 für Mercedes-Benz arbeitet und heute Designer und Assistant General Manager in Irvine ist. Das US-Studio steuert dazu genauso wie seine Pendants in Deutschland und Japan in regelmäßigen Abständen eine Reihe von Konzepten bei, die konkrete strategische Anregungen für neue Modelle oder mutige Entwürfe für sogenannte Forschungs-(F-) oder Visions-(V-)Fahrzeuge liefern. Sie haben unterschiedliche Zeithorizonte, sollen aber alle die Kernbotschaften der Marke Mercedes-Benz in die Zukunft transportieren. „Wir wollen bewusst unterschiedliche Ansätze mit globalen Aspekten sammeln, denn jedes Studio ist seinen eigenen kulturellen Einflüssen ausgesetzt“, sagt Wagener, der jeden Monat mindestens einmal in Deutschland und Japan nach dem Rechten sieht. Kreativität lässt sich eben nicht nur per Telefon, E-Mail oder Videokonferenz managen. „Es geht auch darum, als Designer präsent zu sein und seine Ideen vorzustellen und durchzusetzen.“
Der Verbund: Die vier Advanced-Design-Studios von Daimler
Das Advanced-Design-Studio in Irvine bei Los Angeles öffnete im Juni 1990 als erstes Studio von Mercedes-Benz im Ausland die Tore. Heute arbeiten dort auf rund 1.200 Quadratmetern 18 Designer und Modelleure an Fahrzeugformen von morgen und übermorgen, ergänzt um ein bis zwei Praktikanten von umliegenden Design-Schulen. Das Center in Irvine tauscht regelmäßig Ideen und vor allem Personal mit den gleich großen Schwesterstudios in Yokohama und am Konzernsitz in Sindelfingen aus. Ein viertes Studio im italienischen Como mit ebenfalls rund 20 Mitarbeitern kümmert sich ausschließlich um Interior Design, also um die Innenausstattung.
Download
pdf-Datei
(1.746 kB)
Zusatzinformationen online
Die mit (*) gekennzeichneten Artikel sind web-exklusive Zusatzinformationen
© 2008 Daimler AG. Alle Rechte vorbehalten.