Der Sprung zum Tonmodell
Unter den pro Projekt bis zu 20 Vorschlägen aus aller Welt sucht der Konzernvorstand drei oder vier vielversprechende Ideen aus. Nur diese Konzepte der engeren Auswahl erleben den Sprung von der Skizze oder Computeranimation zum detaillierten, aufwendig lackierten Tonmodell. Am Ende des Verfahrens steht ein Favorit fest, der in der deutschen Zentrale im Originalmaßstab gebaut wird. „Wenn man sein Baby auf der Straße sieht, dann ist das ungeheuer befriedigend“, berichtet Rhoades, der gemeinsam mit Wagener und Senior Vize President Peter Pfeiffer das jüngste Forschungsfahrzeug F 700 ersann – eine futuristische Weiterentwicklung der S-Klasse.
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"Für wirklich einmalige Formen braucht es immer noch Handarbeit. Wer nur am Computer arbeitet, erhält starre Formen": David Slaughter, Senior Design Sculptor, war der erste Angestellte des Studios in Irvine 1990, als es dort nur eine leere Halle mit einer Telefonleitung gab und weder Möbel noch Werkzeuge oder Computer. Er schwört nach wie vor auf solide Handwerksarbeit am Ton- modell, um zukunftweisendes Design zu entwerfen. |
Der aus der Bionik entlehnte, stromlinienförmige Wagen ist ein rollendes Computerlabor, das die neuesten Ideen für Komfort, Sicherheit, Navigation und Umweltfreundlichkeit vereint. So verbergen sich in seinen vertikal angeordneten Scheinwerfern intelligente Laserscanner, die die Fahrbahn abtasten, und unter der Motorhaube schnurrt ein Diesotto-Motor mit Hybridmodul. "F-Fahrzeuge sind unsere Kür, das Seriendesign unser Pflichtprogramm", so Wagener. Beides ist für ihn eine Herausforderung, denn ohne Werksvorgaben ins Blaue zu denken, ist keineswegs einfacher. Zukunftstrends wollen erst einmal gefunden werden.
Um die neuesten Ideen in den Mercedes-Benz von morgen einfließen zu lassen, ist der Standort Los Angeles aus mehreren Gründen ideal. Das Ballungsgebiet mit rund 13 Millionen Einwohnern gilt als Mekka der Autofans und Freizeitfanatiker – Bastler, die ihre Fahrzeuge (ebenso wie ihre persönliche Erscheinung) beständig verbessern und auf ihren Geschmack zuschneiden wollen. "Aus mehreren guten Gründen eröffneten wir hier 1990 das erste internationale Studio für Advanced Design", sagt Benjamin Dimson, neben Rhoades ein weiterer Designer. Einer dieser Gründe: "Nirgendwo sonst sind die Leute so besessen von ihren Fahrzeugen wie hier."
Der Wunsch nach den auf die persönlichen Bedürfnisse abgestimmten „eigenen vier Räder“ trieb und treibt Lifestyletrends rund um LA um, allesamt Trends, die früher oder später auf den Rest der Welt überschwappen. So entstand in Los Angeles bereits Mitte der 1930er-Jahre die Surferbewegung, aus der spätere Freizeitwellen wie Skateboards und Snowboards hervorgingen. Wer ans Meer, in die Wüste oder in die Berge will, braucht ein Netz an Freeways und entsprechende Fahrzeuge, die die unterschiedlichsten Aktivitäten mitmachen – Geländewagen, Pick-ups und SUVs. Auch wenn sie oft nur im Stadtverkehr genutzt werden – der Wille zum aktiven Lifestyle zählt und ihn wollen Fahrer im Autodesign ausdrücken.
Gleichzeitig ist Südkalifornien die Wiege der Umweltschutzbewegung rund ums Automobil. Der erste Freeway öffnete 1935, die erste bekannte Smogepisode datiert aus dem Jahr 1943. Und in diesem US-Bundesstaat wurden Mitte der 1970er-Jahre auch die ersten Katalysatoren eingeführt. Bis heute ist Kalifornien der landes-, wenn nicht sogar weltweite Vorreiter bei Emissions- und Verbrauchsvorschriften, die das Design neuer Fahrzeuge und Motoren zum grünen Denken anhalten. Die technischen Kniffe und die Stars von Hollywood schließlich sind zwei weitere wichtige Faktoren, die Gesellschaft, Wirtschaft und Mobilität nachhaltig beeinflussen. Welche Fahrzeuge in einem Film auftauchen und welcher Schauspieler welches Auto fährt, sind oft Signale für den Rest der Gesellschaft.
Kein Wunder, dass alle namhaften Automobilfirmen ihre Design-Studios rund um Los Angeles angesiedelt haben und sich der kreativen Inputs der Region bedienen – darunter auch der bekannten Talentschmiede des Art Center College of Design. "Wir laufen hier keinen Modeerscheinungen hinterher“, sagt Advanced-Design-Chef Wagener, „sondern versuchen langfristige Trends aufzuspüren, die über Jahrzehnte hinweg den Wert der Marke Mercedes-Benz steigern. Das sind Ideen, die höchste Ansprüche bei Technik, Leistung, Komfort und Sicherheit erfüllen." Ein Designer muss deswegen „in der Zukunft leben“ und mindestens zwei bis drei Fahrzeuggenerationen, also rund 14 bis 21 Jahre, im Voraus denken. "Die Inspiration beziehen wir aus allen möglichen Begegnungen – im Stau oder an der Ampel andere Fahrer zu beobachten, beim Surfen, unterwegs und aus den Erkenntnissen unseres hauseigenen Trendforschungsbereichs in Deutschland."