Zukunft näher gebracht:
Die Daimler-Forschungspreise 2007
Platz 1 - Innovative Produktentwicklung: Projekt Front Bass
Jeder Musikfan schätzt Stücke, bei denen es ihm auch nach vielmaligem Hören heiß und kalt den Rücken hinunterläuft. Beim Autor geschieht dies etwa bei Beethovens Mondscheinsonate, deren Thema der Gitarrist Laurindo Almeida anschlägt, während sich sein Kollege Ray Brown am Kontrabass mit dem Jazz-Standard „Round About Midnight“ dazugesellt. Jazz mag nicht jedermanns Sache sein und eine kompositorische Melange aus Thelonious Monk und Ludwig van Beethoven erst recht nicht.
Doch was sich im Innenraum der schwarzen S-Klasse von Mercedes-Benz akustisch entfaltet, das ist so wohlig warm und analytisch zugleich, so präzise und präsent, wie Musik sonst nur in Testlabors aus „Referenzlautsprechern“ oder im Studio aus sündhaft teuren Monitorboxen erklingt. Ray Brown führt sein Instrument in die Abgründe des Basskellers hinab, Passagen, während der selbst stahlrohrstabilisierte Hutablagen mit ihren Subwoofern zumindest bei hohen Pegeln das Flattern bekommen und das Klangbild eintrüben. Doch in der S-Klasse bleibt selbst in diesem extremen Tiefbassbereich jedes An- und Abschwingen der Saiten separat wahrnehmbar – als lägen die einzelnen Töne fein säuberlich präpariert auf dem Seziertisch.
„Klar war es das Ziel, den Hörgenuss zu steigern. Aber es war nicht das einzige.“
Mario Fresner, Daimler-Forschung
Was die erste Hörprobe andeutet, bestätigt Hörtest Nummer zwei: Herbert von Karajan dirigiert die Berliner Philharmoniker „In der Halle des Bergkönigs“ aus der Suite Nr. 1 Peer Gynt von Edvard Grieg. In dem nur zwei Minuten langen Musikstück lässt der Star­­­dirigent seinen Klangkörper als lauen Frühlingswind starten, um ihn zu einem alles erfassenden akustischen Orkan anschwellen zu lassen. Genau das hören die Insassen der ­S-Klasse: Dynamik pur – vom hauchzarten Einsatz der ersten Bläser bis zum finalen Tutti mit mehr als 120 Musikern, die es „krachen“ lassen, um der mystischen Macht des Bergkönigs Gehör zu verschaffen.
Im Wagen ist nicht nur das enorme Bassfundament hör-, ja geradezu erlebbar, das ein Sinfonieorchester in den Raum zu stellen vermag. Je mehr Instrumente sich dazugesellen, desto kritischer wird es für gewöhnlich, beim Zuhören „den Überblick“ zu behalten, also die Instrumente auf der akustischen Bühne sauber zu unterscheiden und präzise zu orten. Doch die „Halle des Bergkönigs“ erreicht im Fahrzeuginneren eine akustische Offenheit und Transparenz, wie sie sonst nur in einem Konzertsaal des Architekten und Klangpuristen Alvar Alto möglich ist.
Konzertsaal im Auto
In der S-Klasse ist sie in einem Raumvolumen von rund zwei Kubikmetern greifbare Realität – dank des diesjährigen Produkt-Forschungspreises von Daimler, nämlich dem Projekt Front Bass. Das Team um Forscher Norbert Niemczyk und Entwickler Rainer Albus definiert damit die Möglichkeiten der Audiophilie im Fahrzeug neu. Die Idee dazu hatte Rainer Albus vor drei Jahren: Warum nicht die Basslautsprecher an die stabile Struktur der Rohbaukarosserie koppeln? Bass-Chassis brauchen schließlich Volumen und eine stabile „Boxenkonstruktion“, damit der mächtige Hub der Membranen die Luft ohne schalltechnische Ungenauigkeiten in den Raum pumpt. Den „akustisch idealen“ Ort dafür hatte das Team schnell ausgemacht, nämlich die Frontpartie des Fahrzeugrohbaus zwischen Fuß- und Motorraum, wo der Stahlrahmen der Karosserie für Crashsicherheit sorgt. So entstand der Projektname Front Bass.
Was sich einfach anhört, war jedoch ein Weg, auf dem das Team eine Reihe von Hindernissen zu beseitigen hatte. Der Lohn dafür ist ein Soundsystem – es wird erstmals im Nachfolger des SL Roadsters serienmäßig zu hören sein –, das seinesgleichen sucht. Wer nun weder auf Klassik noch auf Jazz steht, der schiebe die „Eagles“ in den Player und begebe sich ins „Hotel California“. Nur einen Augenblick später cruist die S-Klasse auf audiophilen Wellen über den Ocean Drive.
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