Platz 1 - Innovative Prozesse: Diagnostic Design Concept
Der elektrisch betätigte Kofferraumdeckel lässt sich nicht öffnen und ein Radsensor des Elektronischen Stabilitätsprogramms (ESP) ist schuld daran – das glauben Sie nicht?
Sollten Sie aber. Mit diesem zwar seltenen, aber prinzipiell möglichen Fehlerfall beschreibt Valentin Adam die Komplexität, mit der sich in heutigen Fahrzeugen völlig getrennt erscheinende Funktionen gegenseitig beeinflussen. Oder wie Valentin Adam sagt: „Für manche Funktionen kommunizieren bis zu 20 Steuergeräte miteinander.“ Im geschilderten Beispiel signalisiert ein defekter Radsensor eine Raddrehung, obwohl sich das Fahrzeug gar nicht bewegt, sondern steht. Das Steuergerät der elektrohydraulischen Heckdeckelöffnung „vertraut“ diesem ESP-Signal und verweigert sich durchaus folgerichtig dem Kommando des Fahrers, den Heckdeckel zu öffnen. Dieser würde sich schließlich bedanken, wenn sich der Kofferraum etwa aufgrund einer versehentlichen Bedienung in voller Fahrt auf der Autobahn öffnen würde.
„Für manche Funktionen kommunizieren bis zu 20 Steuergeräte miteinander.“
Valentin Adam, Daimler-Forschung
Die Kehrseite der sinnvollen Verzahnung von separaten Fahrzeugfunktionen haben schon viele Autofahrer leidvoll kennengelernt: Ein Defekt zwingt den Fahrer in die Werkstatt, doch statt rasche und kostengünstige Hilfe zu bekommen, trifft er auf ratlose Minen von Servicemitarbeitern, die nach langem Suchen endlich ein „verdächtiges“ Teil tauschen und ihn damit wieder entlassen – nur damit der Fahrer alsbald feststellen darf, dass sich der Fehlerteufel in seinem Wagen häuslich einzurichten scheint. Solche sogenannten i.O.-Ausbauten, also das Tauschen von funktionierenden Teilen „auf Verdacht“, das die Fehlerursache nicht behebt, belastet nicht nur das Portemonnaie des Kunden oder erhöht die Garantie- und Kulanzaufwendungen für das Unternehmen. Es sorgt beim Kunden für zeitraubenden Ärger und rüttelt am Vertrauen in die Produkt- und Servicequalität.
Deshalb setzte sich Valentin Adam im Jahr 2004 mit Kollegen aus der Forschung, der Fahrzeugentwicklung und dem Bereich After Sales zusammen, um für diese Fälle eine systematische Abhilfe zu ersinnen. Drei Jahre und eine Reihe von erfolgreichen Pilotprojekten später hatte die Projektgruppe „Diagnostic Design Concept“ Grund zum Feiern: Ihr ausgearbeitetes Konzept einer funktionsorientierten Diagnose brachte ihnen den Forschungspreis 2007 in der Kategorie „Innovative Prozesse“ ein.
Gemeinsam mit den Daimler-Ingenieuren dürfen sich die Kunden über diesen Erfolg freuen, denn das funktionsorientierte Diagnosekonzept wird demnächst Einzug in die Test- und Diagnosewerkzeuge der Mercedes-Benz-Werkstätten halten. Erklärtes Ziel der Ingenieure ist neben der gesteigerten Kundenzufriedenheit eine höhere Fixed-First-Visit-Rate. Für den Parameter mit dem schnöden Kürzel FFV gibt es eine vielversprechend klingende „Übersetzung“ in Kundensprache: Gleich gefunden statt gesucht, sofort repariert statt laboriert.