Fahrzeugdesign – Auf der kreativen Insel
Interieur-Design im Mercedes-Benz Advanced Design-Studio
in Como

Das Mercedes-Benz Advanced Design Studio in Como
 
Im Februar 1998 eröffnet Mercedes-Benz das Advanced Design Studio in Como/Italien. Der Standort ist bewusst gewählt: In Südeuropa finden sich viele Anregungen beispielsweise aus Kultur und Lebensstil, aus Design, Mode und Architektur. Sie fließen in Konzepte zur Fahrzeug-Innenraumgestaltung ein – denn auf diese hat sich das Advanced Design Studio in Como spezialisiert.
„Das Mercedes-Benz Advanced Design Studio in Como erweist sich rückblickend als Erfolgsgeschichte“, fasst Peter Pfeiffer, verantwortlich für das Mercedes-Benz Design, im Jahr 2008 aus Anlass des zehnten Jahrestags der Eröffnung zusammen. „Dort entstehen wichtige Interieur-Konzepte als Ideengeber für das Auto von morgen. Aber auch direkte Impulse für Serienfahrzeuge von Mercedes-Benz kommen aus Italien.“
Como ist nach Irvine/USA und Yokohama/Japan der dritte Standort eines Advanced Design Studios des Unternehmens. Für alle gilt: „Wir versuchen, gesellschaftliche Trends möglichst weit vorauszuahnen“, erläutert Pfeiffer. „Im Idealfall gelingt es uns, dass wir selbst diese Trends vorgeben. Denn wir wollen für jeden unserer Kunden das begehrenswerteste Auto der Welt schaffen.“
Neue Konzepte benötigen Freiraum und Inspiration. „Also suchten wir für das Advanced Design Studio einen Ort, wo wir die Trends für das künftige Interieur-Design aufspüren können“, erinnert sich der Mercedes-Benz Designer Hans-Harald Hanson, der heute in Sindelfingen für strategische Designkonzepte zuständig ist. Er baut das Studio in Como auf, mit allem, was an Planung und Verwaltung dazugehört, und leitet es auch in den ersten zwei Jahren. Norditalien eignet sich besonders als Impulsgeber für Lebensart der Extraklasse. „Im Dreieck Como – Mailand – Turin sind die Möbelindustrie und die Modewelt zu Hause“, erläutert Hanson die Beweggründe. „Das traditionelle Handwerk hat einen entsprechend hohen Stellenwert – ein ideales Umfeld für das Advanced Design Studio.“ Nicht ganz unwichtig bei der Standortwahl: Italien gehört zu den absatzstärksten Märkten für „La Mercedes“, wie die Fahrzeuge dort gern genannt werden.
Die Suche nach den passenden Räumlichkeiten beginnt im Juni 1997. Sie ist nicht ganz einfach, denn das Gebäude soll nicht nur 15 bis 20 Designer, Modellbauer, Innenarchitekten und Ingenieure aufnehmen, die in angenehmer, gleichwohl arbeitsamer Atmosphäre dem Auto von morgen innere Werte mitgeben. Auch komplette Fahrzeuge müssen dort Platz finden können, was beispielsweise breite Türen und belastbare Böden erfordert.
Die Wahl fällt schließlich auf die Villa Salazar in Ufernähe zum Comer See. Der italienische Modeschöpfer Gianni Versace hat dort zuvor Fliegen und Krawatten produziert; dem Vernehmen nach findet sich die ein oder andere Freske aus der um das Jahr 1750 erbauten Villa, die heute noch Decken und Wände schmücken, sogar auf Versace-Krawatten wieder.
„Mit dem Atelier haben wir einen guten Griff getan“, ist Hanson noch heute von den Räumlichkeiten begeistert. „Denn bautechnisch ist die Villa auf neuestem Stand. Und mit den zeitgenössischen Deckengemälden, den langen Fluchten und den verschiedenen Böden aus Terrakotta und Holz ist das Flair des Studios außergewöhnlich und äußerst inspirierend.“
Die Aufgaben der Kreativen in Como sind vielfältig. Sie betreiben allgemeine Recherchen, fertigen Entwürfe und bauen Modelle – und schauen dabei immer über den Tellerrand heraus, um das Autointerieur der Zukunft zu entwickeln. Eine gewisse Respektlosigkeit gegenüber dem Althergebrachten ist gewünscht, um frische Ansätze zu finden. Doch Faktoren, die einen Mercedes-Benz prägen, etwa Eleganz, Dynamik und Wertigkeit, müssen stets beachtet werden: „Selbstverständlich gilt es, die markenspezifischen Erfordernisse zu berücksichtigen“, beschreibt der damalige Design-Chef Bruno Sacco die Aufgabe des Advanced Design Studios auf dem Turiner Automobilsalon im April 1998. „Jedes Projekt muss aber auch in einer langfristigen Perspektive gesehen werden, die unter Berücksichtigung unserer Designstrategie und deren kontinuierlicher Weiterentwicklung die gestalterischen Ausprägungen unserer Mercedes-Fahrzeuge beschreibt.“
Beim Interieurdesign geht es anders als bei der Außengestaltung eines Automobils nicht vordergründig darum, eine schöne Skulptur auf die Straße zu bringen. „Der Mensch steht beim Innenraumdesign stets im Mittelpunkt. Für uns stellen sich deshalb Fragen, wie der Kunde im Auto sitzt und welches Gefühl er haben will und soll, wenn er damit fährt“, erläutert Hans-Harald Hanson. Neben den strukturellen Vorgaben, die das Innenleben praktisch und leicht bedienbar machen, müsse der Designer alle Sinne bedienen. So spielen gutes Aussehen, aber auch Geruch, Akustik und Haptik eine wichtige Rolle, damit man sich im „Fahrzimmer“rundum wohl fühlt. Da kann manchmal die Gestaltung eines Schalters oder einer Düse schon einen gewaltigen Unterschied machen, nicht zuletzt im Hinblick auf die Markenidentität: „Design verkörpert die Werte eines Unternehmens“, sagt Peter Pfeiffer. „Auch wenn kein Stern drauf wäre, muss das Auto stets als Mercedes-Benz erkennbar sein.“
Doch wie findet man die Zukunft des Interieurs in Como? Bis heute sammeln die Designer dort beispielsweise alle möglichen und unmöglichen Dinge, die vielleicht einmal nützlich werden könnten. Dazu zählen etwa handwerkliche Materialien aus der Region genau so wie Hightech-Komponenten aus der Nanotechnologie und Bionik. „Auf den ersten Blick haben die gesammelten Materialien nicht immer etwas mit einer Verwendung im Auto zu tun“, sagt Hanson. „Aber die Technik macht Riesensprünge. Was heute noch unmöglich ist, kann vielleicht morgen im Auto exakt passen.“ Als Beispiel nennt der Designer Granit: Früher sei es unmöglich gewesen, den harten Stein zur Gestaltung der konturierten, dreidimensionalen Oberflächen in einem Fahrzeuginterieur zu verwenden. Heute könne man die Flächen mit echtem Granit hauchdünn beschichten – erhältlich im Designo-Programm von Mercedes-Benz.
Die tüftelnden Ästheten brauchen viel Geduld: Von der ersten Idee einer Innenraumgestaltung bis zur eventuellen Umsetzung in einem Fahrzeug können mehrere Jahre vergehen. Das Interieur des Forschungsfahrzeugs Mercedes-Benz F 400 Carving ist eines der ersten sicht- und greifbaren Ergebnisse des Advanced Design Studios, das 2001 in Tokio der Öffentlichkeit vorgestellt wird. 2002 folgt in Detroit die Vision GST, ein Vorläufer der Mercedes-Benz R-Klasse, 2003 in Tokio das Forschungsfahrzeug F 500 Mind. 2005 steht in Washington das Mercedes-Benz bionic car in der Öffentlichkeit. Im gleichen Jahr präsentiert das Unternehmen wiederum in Tokio das Forschungsfahrzeug F 600 HYGENIUS, die Designer kombinieren dort die klassischen Materialien Holz und Leder mit einem lumineszierenden gelben Plastikgel, das freche Farbtupfer auf den Sitzen und im Fußraum setzt. Bei dem im Jahr 2007 vorgestellten Forschungsfahrzeug Mercedes-Benz F 700 setzen sie etwa auf Kork und Alcantara.
Sogar eine kleine und feine Fahrzeugserie wird in Norditalien begründet: Der Modeschöpfer Giorgio Armani stattet mit tatkräftiger Unterstützung des Advanced Design Studio in Como im Jahr 2003 ein exklusives Fahrzeug aus, den „Mercedes-Benz CLK designo by Giorgio Armani“. Das solchermaßen veredelte Mercedes-Benz CLK 500 Cabriolet wird in einer Kleinserie von 100 Stück gebaut. Armanis Farb- und Materialkonzept ist dabei von der Handwerkskunst legendärer Oldtimer inspiriert; wie die in Norditalien tätigen Mercedes-Benz Designer nimmt auch er Materialien aus ihrem bekannten Umfeld heraus und kombiniert sie einem ungewöhnlich neuem Gesamterlebnis.
„Die Facetten der Arbeit in dem Design-Studio haben sich seit den ersten Jahren etwas verschoben“, beobachtet indes Hans-Harald Hanson. „Anfangs war das primäre Ziel, Como als Think-Tank aufzubauen. Die Designer sollten sich dort inspirieren lassen, um das Undenkbare zu denken. Mittlerweile bringt das Studio seine Kompetenz auch sehr stark in Entwürfe für die Serienentwicklung ein.“ Doch das ist kein Nachteil, im Gegenteil: Designideen aus Como sind in keine geringere Baureihe als die aktuelle Mercedes-Benz S-Klasse eingeflossen.
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