"Welche Innovationen brauchen wir für nachhaltige Mobilität?" - Interview mit Thomas Weber
Klimaschutz, Ressourceneffizienz, der wachsende Trend zur individuellen Mobilität: Das wird in Zukunft nur mit nachhaltiger Mobilität zu leisten sein. Innovationen für Nachhaltigkeit werden hier eine Schlüsselrolle spielen. Thomas Weber, im Daimler-Vorstand verantwortlich für Konzernforschung und Mercedes-Benz Cars Entwicklung, gibt einen Ausblick in die Zukunft nachhaltiger Mobilität.
Herr Weber, im Jahr 2050 soll sich - laut Expertenschätzungen - die Zahl der Automobile weltweit verdreifacht haben. Sieht Daimler dies als Chance?
Thomas Weber: Wir begreifen dies als Chance für unser Unternehmen und für unsere Mitarbeiter und sehen uns in der Verantwortung, Mobilität nachhaltig auszugestalten. Wir haben das Automobil erfunden und wollen mit Leidenschaft auch seine Zukunft gestalten - die Rolle des "Pioniers" für saubere, effiziente und sichere Automobile nehmen wir ausdrücklich an. Im Jahr 2007 haben wir beispielsweise unsere Aufwendungen für den Umweltschutz um über zehn Prozent auf 1,85 Mrd. Euro gesteigert. Ich denke, das ist ein klares Signal.
Und wie wollen Sie nachhaltige Mobilität in Zukunft gestalten?
Durch intelligente technologische Innovationen, die dem Kunden einen deutlichen Mehrwert bieten! Wir haben eindrucksvoll mit der "Road to the Future" skizziert, was im Pkw-Bereich alles möglich sein wird. Von modernsten Verbrennungsmotoren bis hin zu Hybrid-Lösungen und dem emissionsfreien Brennstoffzellen- und Elektroantrieb werden wir in den kommenden Modellzyklen wegweisende Innovationen anbieten. Im Nutzfahrzeugbereich haben wir mit unserer Initiative "Shaping Future Transportation" gezeigt, dass wir bereits heute Weltmarktführer bei umweltfreundlichen Antrieben sind. Das alles kommt nicht von ungefähr, hierin stecken viele Jahre harter Arbeit unserer Ingenieure, die sich nun auszahlt, vor allem für unsere Kunden.
Was können Innovationen wirklich für nachhaltige Mobilität leisten?
Eine ganze Menge! Nehmen Sie das Beispiel unserer BLUETEC-Technologie. Sie macht den ohnehin sehr effizienten Diesel so sauber wie den Benziner. Seit der Einführung von BLUETEC bei Mercedes-Benz-Nutzfahrzeugen wurden mehr als 150.000 BLUETEC-Trucks und Busse in Europa verkauft. Diese innovative Technologie haben wir im Oktober 2006, entsprechend adaptiert und im Pkw-Bereich zunächst in den USA, dann in Europa im E?300 BlueTEC eingeführt. 2008 bringen wir zudem die weltweit ersten Diesel-SUVs mit Bin-5- und ULEV-Zertifizierung für alle 50 US-Staaten auf die Straße. Diese Fahrzeuge haben bereits heute das Potenzial, die zu-künftige Euro-6-Abgasnorm zu erfüllen!
Und beim Thema Effizienz?
Wir waren die Ersten, die mit der Benzindirekteinspritzung der zweiten Generation - im CLS 350 CGI - bewiesen haben, dass wir mit Innovationen erhebliche zusätzliche Effizienzgewinne erzielen können, rund zehn Prozent! Und mit unserem innovativen DIESOTTO-Antrieb haben wir zudem einen Ausblick in die Zukunft des Ottomotors gegeben. Mit unseren BlueEFFICIENCY-Modellen haben wir darüber hinaus ein umfangreiches und intelligentes Effizienz-Maßnahmen-Paket geschnürt. Unsere Ingenieure haben sich jedes Teil und jede Komponente im Fahrzeug und im Antriebsstrang vorgenommen, um den Energieverbrauch im Fahrzeug in der Summe zu senken. Das Ergebnis ist eine deutliche Verbrauchsreduktion von bis zu 12 Prozent - bei unverändert hohem Komfort und Mercedes-Benz-typischer Sicherheit.
Andere Hersteller propagieren Hybrid-Lösungen als Antwort auf mehr Effizienz und Umweltfreundlichkeit …?
Ganz so einfach ist es leider nicht. Aufgrund der vielfältigen Kundenanforderungen gibt es nicht "die eine" Technologie für nachhaltige Mobilität, deshalb wird es auch in Zukunft einen Antriebsmix auf unseren Straßen geben. Die Hybrid-Technologie hat ihre Vorteile vor allem im innerstädtischen Stop-and-go-Betrieb und ist deshalb integraler Bestandteil unserer Antriebsstrategie. Wir setzen dabei auf ein modulares Baukastensystem, dennoch gilt hier: Ein Fahrzeug mit Hybrid-System ist nur so gut wie der moderne Verbrennungsmotor, der es antreibt. Die kontinuierliche Weiterentwicklung und Optimierung der Verbrennungsmotoren ist daher ein fester Bestandteil unserer Strategie. Das emissionsfreie Fahren mit Brennstoffzellen- und Batteriefahrzeugen bietet zukünftig sehr große Potenziale, besonders für urbane Anwendungsfelder. Hier ist allerdings das Thema Infrastruktur - also Wasserstoff-Tankstellen und Ladestationen für Batteriefahrzeuge - noch zu lösen.
Und bei den Nutzfahrzeugen?
Bei Hybrid-Antrieben ist Daimler Trucks Weltmarktführer mit über 1.500 Orion-Bussen auf den Straßen und weiteren 1.100 Bestellungen in Nordamerika. Mit dem Canter Eco Hybrid und dem Aero Star Eco Hybrid haben wir auch in Japan erfolgreiche Hybrid-Fahrzeuge im Markt. Zudem wurden 1.500 erdgasbetriebene Lkw und Busse an Kunden ausgeliefert. Und 36 mit Brennstoffzellen- und Elektromotor betriebene Citaro-Busse haben in über zwei Millionen Testkilometern ihre Alltagstauglichkeit bewiesen. Effizienz, Sicherheit und Umweltverträglichkeit sind bei unseren Nutzfahrzeugen bereits heute Realität!
Für dieses umfangreiche Engagement benötigen Sie allerhand Know-how, um Innovationen voranzutreiben. Was sind hier Ihre strategischen Eckpfeiler?
Wer "Pionier" bei sauberen und sicheren Automobilen sein will, braucht eine solide Forschungs- und Entwicklungsstrategie, die Kompetenzen intelligent bündelt und mit Lieferanten, der Wissenschaft und in weiteren Kooperationen eng zusammenarbeitet. Wie erfolgreich solche Kooperationen sein können, haben wir u.a. bei der Lithiumionenbatterietechnik bewiesen: Als weltweit erstem Hersteller ist es uns gelungen, diese Technologie auf die hohen Anforderungen im Automobilbereich abzustimmen. Durch 25 Patente haben wir unsere Innovationsleistung abgesichert und werden sie nächstes Jahr erstmals im S 400 BlueHYBRID und danach in der nächsten Generation des smart ed auf den Markt bringen! Unsere Beteiligung an der Erprobung und Erforschung von Biokraftstoffen der zweiten Generation im Rahmen des CHOREN-Projekts unterstreicht diese strategische Ausrichtung, und durch unsere Mehrheitsbeteiligung an der Automotive Fuel Cell Corporation (AFCC) sind wir in puncto Brennstoffzellenstacks hervorragend für die Zukunft gerüstet.
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