Tüftlergeist aus Untertürkheim
 
  • In Daimlers Garten fing die Automobilgeschichte an
  • Mit dem ersten schnelllaufenden Benzinmotor schaffte der Cannstatter Erfinder den Durchbruch
Knatternde Geräusche schrecken 1883 die Cannstatter auf. Merkwürdiger Lärm dringt aus dem Gartenhaus der Familie Daimler in der Taubenheimstraße, in der Privatier Gottlieb Daimler mit seinem Freund Wilhelm Maybach an einer bahnbrechenden Erfindung bastelt: dem ersten schnelllaufenden Benzinmotor. Er sollte den Motorbau revolutionieren weil die Tüftler erstmals Benzin als Brennstoff verwenden.
Dabei profitiert der 1834 in Schorndorf geborene Bäckerssohn von seinen Berufserfahrungen. Daimler besuchte nach einer Büchsenmacherlehre die Polytechnische Schule in Stuttgart. Nach Studienaufenthalten in England und Frankreich startet er eine Karriere als Leiter der Maschinenfabrik in Reutlingen. Ab 1869 steht er der Maschinenbaugesellschaft Karlsruhe vor. Aufgrund des Erfolges in Karlsruhe holt ihn Nikolaus August Otto als technischen Leiter der Gasmotorenfabrik Deutz nach Köln. Dort lernt Daimler das Viertaktprinzip des gasbetriebenen Ottomotors kennen und erkennt das Potenzial des Viertakters. Wegen Meinungsverschiedenheiten mit Otto verlässt Daimler 1891 jedoch das Kölner Unternehmen.
 
Die Gartenwerkstatt von Gottlieb Daimler kann heute noch besichtigt werden.
Dank der großzügigen Abfindung erwirbt er eine Villa in der Cannstatter Taubenheimstraße und lässt das Gewächshaus im Garten als Versuchswerkstatt einrichten. Sein Ziel: die Verkleinerung des Viertaktmotors. Mit Benzin angetrieben sollte er in jede Art von Fahrzeug eingebaut werden können. Mit der Entwicklung der Glührohrzündung und der Kurvennutensteuerung, beides revolutionäre Neuerungen, kommt Daimler dem Ziel näher: Dieser erste, noch liegende schnelllaufende Daimler-Motor bringt es auf 900 Umdrehungen. Doch noch ist die knatternde Maschine zu groß. Erst das deutlich kompaktere Nachfolgemodell, das wegen seines Aussehens Standuhr getauft wurde, schafft die Grundlage. Daimler installiert den 0,5 PS starken Motor in das hölzerne Reitrad, mit dem sein Sohn Paul 1885 Testfahrten durch Cannstatt macht. Das erste Motorrad der Welt ist geboren.
Es folgt 1886 ein Motorboot und die Motorkutsche. Daimler hatte bei Wimpff & Sohn in Stuttgart eine Pferdekutsche des Typs American bestellt und einen 1,1 PS leistenden Benzinmotor eingebaut. Er treibt den ersten vierrädrigen Kraftwagen der Welt an. Fortan erobern Daimler-Motoren die Welt und die Werkstatt im Gartenhaus wird rasch zu klein. 1887 bezieht der Cannstatter Motorenbauer neue Fabrikräume auf dem Seelberg in Cannstatt. Dazu muss Daimler finanzkräftige Partner finden.
Die Kaufleute Max von Duttenhöfer und Willhelm Lorenz bieten sich an und ein Wirtschaftskrimi ohne Happy End für Daimler beginnt: Am 28. November 1890 gründet das Trio die Aktiengesellschaft Daimler-Motoren-Gesellschaft. Der Pakt währt nicht lange. Während Duttenhöfer mit Bootsmotoren schnelles Geld verdienen will, liegt Daimler die Fortentwicklung der Fahrzeugproduktion am Herzen. Es kommt zum Bruch.
Die Finanziers drängen 1894 Daimler aus der Gesellschaft. Doch der listige Schwabe gründet mit Maybach im Gartensaal des Cannstatter Hotels Hermann ein neues Entwicklungszentrum. Dort tüfteln die beiden am damals modernsten Aggregat: dem Phönix-Motor, das die Fachwelt als Sensation feiert. Bei Langstreckenfahrten in Frankreich heimsen Rennwagen mit Phönix-Motoren Erfolge ein und nähren Daimlers Ruhm.
Bei der Daimler-Motoren-Gesellschaft erlahmt zeitgleich das Geschäft, so dass auf Druck des englischen Industriellen Frederick Simms Duttenhofer den gefeuerten Daimler in die Aktiengesellschaft zurückholt. Doch Daimler kann sich nur kurz über den Triumph freuen. Der Waffenstillstand ist nur von kurzer Dauer, die Entmachtung von Daimler wird fortgeführt.
 
Nachdem sich sein Gesundheitszustand weiter verschlimmert, stirbt Daimler am 6. März 1900. Dem Ruhm des Schorndorfer Tüftlers leistet die unternehmerische Niederlage keinen Abbruch. Daimler gilt unauslöschlich als bedeutender Pionier und Visionär. Er war ein genialer Erfinder, der den Motorbau revolutionierte, dem Auto zum Siegeszug verhalf und unser aller Leben veränderte.
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