Kosten und Strategien des globalen Klimaschutzes
Ottmar Edenhofer ist Chefökonom am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und Spezialist für die Auswirkungen des technischen Wandels auf den Klimaschutz.
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52°N/13°E Zyniker seien Menschen, die von allem den Preis und von nichts den Wert kennen, hat Oscar Wilde einmal gesagt. Vielen Klimaschützern galten Ökonomen als Zyniker, weil sie dem Klimaschutz bislang ablehnend gegenüberstanden: Die Schäden selbst eines ungebremsten Klimawandels seien relativ gering, die Kosten der Verminderung von Emissionen vor allem in den Industriestaaten hoch. Eine ambitionierte Klimapolitik, die auf drastische Verminderungen der Treibhausgasemissionen setzt, schien daher nicht angeraten zu sein. Dieses Bild ist von der Realität eingeholt worden. Der frühere Chefökonom der Weltbank Sir Nicholas Stern weist in seinem Bericht nach, dass die Schäden eines ungebremsten Klimawandels höher sind als bisher vermutet. Es hat sich aber auch gezeigt, dass die Kosten der Verminderung von Emissionen wesentlich geringer eingeschätzt werden müssen, als dies noch vor wenigen Jahren der Fall war. |
Kosten geringer als befürchtet
Vor allem amerikanische Ökonomen haben gezeigt, dass der Klimawandel in ökonomisch entwickelten Regionen (USA, Europa) höhere Schäden verursacht als bisher angenommen. Darüber hinaus konnten in den vergangenen Jahren Schwellenwerte im Erdsystem identifiziert werden, deren Überschreiten zu dramatischen Folgen führt: Die Versauerung der Ozeane und das Austrocknen des Regenwaldes infolge des Klimawandels können die Erderwärmung noch weiter beschleunigen. Darum raten viele Wissenschaftler zum Vorsichtsprinzip. Der Anstieg der globalen Mitteltemperatur gegenüber dem vorindustriellen Niveau solle auf zwei Grad Celsius begrenzt werden, um diese Risiken auszuschließen. Auch Ökonomen könnten sich mit dem Vorsichtsprinzip anfreunden, wenn gezeigt werden kann, dass die Begrenzung des Anstiegs der globalen Mitteltemperatur auf zwei Grad Celsius zu akzeptablen Kosten machbar ist. Die Kosten einer drastischen Verminderung von Treibhausgasemissionen sind geringer als bisher befürchtet: Neuere Untersuchungen des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, die der Stern-Bericht zustimmend zitiert und die im Vierten Sachstandsbericht des IPCC ausführlich diskutiert werden, zeigen, dass die Kosten des Klimaschutzes beträchtlich nach unten korrigiert werden müssen. Mit weniger als einem Prozent des weltweiten Wirtschaftswachstums lässt sich das Zwei-Grad-Celsius-Ziel erreichen, was darauf hinausliefe, dass sich das Wirtschaftswachstum im 21. Jahrhundert lediglich um wenige Monate verzögerte. Dies ist dann der Fall, wenn die Klimapolitik in ausreichendem Maße Innovationen mobilisieren kann. Die Frage der Ökonomen, ob sich Klimaschutz lohnt, ist damit beantwortet: Ambitionierter Klimaschutz ist notwendig und finanzierbar, wenn Klimapolitik in ausreichendem Maße technologische Innovationen motivieren kann.
Krise der Klimapolitik?
Wenn Klimaschutz zur Vermeidung gefährlichen Klimawandels nicht nur notwendig, sondern auch wirtschaftlich lohnend ist, warum steckt dann die internationale Klimadiplomatie in einer Krise? Die Antwort ist einfach. Bei einer Klimapolitik müssten zumindest grundsätzlich alle Länder mitmachen. Wenn aber alle verantwortlich sind, ist keiner verantwortlich. Jeder Staat, jedes Unternehmen steht immer in der Versuchung, auszuscheren und die Arbeit die anderen machen zu lassen. Genau hier liegt das moralische Problem der Klimapolitik. Die Klimaverhandlungen haben daher bislang keine wesentlichen Fortschritte gebracht – weder wurden weitere Schritte zu einer Verminderung der Treibhausgasemissionen vereinbart, noch wurden Verhandlungen mit den Staaten aufgenommen, die bislang noch keine Verpflichtung zur Verminderung der Treibhausgasemissionen übernommen haben, wie die USA, China oder Indien, die aber zu den Hauptemittenten gehören oder gehören werden. Ohne das Bewusstsein, dass die Menschheit gemeinschaftlich für die Gefahren des Klimawandels haften muss, werden keine internationalen Vereinbarungen zum Klimaschutz zustande kommen.
Was wir tun müssen
Die heutige Menschheit haftet aber auch für die kommenden Generationen. Auch sie haben ein Anrecht auf wirtschaftliches Wachstum und auf Überwindung der Armut. Die heute wohlhabenden Länder haben für ihre Industrialisierung die Atmosphäre bereits ausgiebig genutzt. Wer künftig Treibhausgase emittieren will, muss dafür zahlen. Die Atmosphäre kann heute kostenlos genutzt werden, da CO2 keinen Preis hat. Es kann daher nicht überraschen, dass sich bislang kaum Innovationen im Energiesektor durchsetzen konnten, die
CO2-Emissionen verringern. Durch die Ausgabe von Emissionsrechten wird eine Obergrenze für Emissionen politisch festgelegt, die nicht überschritten werden darf. Da die Emissionsrechte handelbar sind, kann sich auf dem Markt ein Preis bilden, der den volkswirtschaftlichen Kosten der Emissionen entspricht. Innovatoren des Klimaschutzes, die über billige Verfahren der Verminderung von Emissionen verfügen, können ihre Rechte am Markt verkaufen und damit Gewinne einfahren. Je höher das Innovationspotenzial der Wirtschaft ist, umso weniger muss der Preis für die Emissionen steigen. So zeigen die Berechnungen des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, dass der erfolgreiche Umbau zu einem emissionsfreien Energiesystem den CO2-Preis langfristig wieder sinken lässt. Dies ist aber nur möglich, wenn nach Möglichkeit alle Sektoren und alle Regionen in diesen globalen Emissionsmarkt mit einbezogen sind: Erst ein globaler Markt für Emissionsrechte wird die Such- und Lernprozesse auslösen, die für eine dritte industrielle Revolution notwendig sind.