Potenzial unter der Haube
Ihr Ruf ist nicht der beste – dabei sind Verbrennungsmotoren in den vergangenen Jahren immer sparsamer und sauberer geworden. Weil Benziner und Diesel bis zur Serienreife des emissionsfreien und verbrauchseffizienteren Brennstoffzellenmotors die wichtigsten automobilen Antriebe bleiben werden, muss ihr Kraftstoffverbrauch weiter sinken. Im Konzern wird viel dafür getan.
 
49°N/9°E Der dunkelgrüne Mercedes CLS rauscht durch die Steilkurve. Peter Lückert aber doziert am Steuer so ruhig über Motorentechnik und Benzinverbrauch, als würde er den Wagen über eine Landstraße im Schwäbischen lenken. Tatsächlich geht die Fahrt über die Teststrecke im Mercedes-Benz Werk Untertürkheim, auf der sonst Prototypen mit längst nicht spruch- und marktreifen Technologien an Bord ihre Runden drehen. Dazu gehört das Modell, das Peter Lückert jetzt am Ende einer langen Geraden zum Halten gebracht hat, allerdings nicht. Der CLS 350 CGI ist bereits seit Sommer 2006 im Handel, darf aber heute noch einmal zu Demonstrationszwecken zurück auf die Teststrecke. Denn unter seiner Haube sitzt ein Motor, der für den Konzern als Meilenstein in Sachen Kraftstoffersparnis gilt – und den Peter Lückert als Leiter Entwicklung Pkw Ottomotoren maßgeblich mit aus der Taufe gehoben hat.
„Entscheidend ist heute vor allem, was ein neuer Motor an
Kraftstoff spart.“ Peter Lückert, Leiter Entwicklung Pkw Ottomotoren
Das Kürzel CGI steht für eine Technik, die man im Konzern als „nachhaltiges Motorenmanagement“ bezeichnet. Die „Stratified Charged Gasoline Injection“, so der vollständige Name, ist eine strahlgeführte Direkteinspritzung von Kraftstoff in den Kolben, in dem das Benzin in einem hochsensiblen Prozess zur Entzündung gebracht wird. Ein neu entwickelter Piezo-Injektor platziert den Kraftstoff in präzisen Dosierungen und auf den Bruchteil einer Sekunde genau in die unmittelbare Nähe der Zündkerze, wo er dann ohne nennenswerten Energieverlust verbrennt. Der 3,5 Liter große Sechszylinder verbraucht so zehn Prozent weniger Treibstoff als sein Vorgänger, bei dem das Einspritzventil außerhalb des
Brennraums im Saugrohr gelagert ist. Dennoch bringt der Motor jetzt sogar 20 PS mehr Leistung bei einem Drehmoment von 365 Nm, was ihn „im Antritt spürbar agiler“ macht, wie Testpilot Lückert bemerkt. Doch das Plus an Power sei eher ein schöner Nebeneffekt. „Entscheidend ist heute vor allem, was ein neuer Motor an Kraftstoff spart“, so Lückert. Die Direkteinspritzung als ein effizienteres Verbrennungsverfahren gilt deshalb für große Autohersteller wie Mercedes-Benz als Technik der unmittelbaren Zukunft. Obwohl in vielen Richtungen nach alternativen Antrieben gesucht wird und viel Geld in die Forschung rund um umweltschonende Gas-, Wasserstoff- und Elektromotoren oder neue Biokraftstoffe investiert wird, sind die meisten Techniken heute noch weit von einer Serienreife entfernt. Der Konzern zum Beispiel hat bislang rund 1,5 Milliarden Euro in die Brennstoffzellentechnologie investiert und mit mehr als 100 Brennstoffzellenfahrzeugen die weltweit größte Testflotte im Einsatz. Prototypen wie die Mercedes-Benz A-Klasse F-Cell und der F 600 gelten als Technologievorreiter. Wasserstoff gilt für die meisten Autohersteller als ultimativer Kraftstoff der Zukunft.
 
 
Doch der Brennstoffzellenantrieb ist heute auch wegen seiner hohen Produktionskosten und einer fehlenden Wasserstoff-Infrastruktur noch keine serientaugliche Lösung – außerdem kann Wasserstoff noch nicht in genügender Menge regenerativ gewonnen werden. Die Hybridtechnik ist eine weitere Möglichkeit, Verbrennungsmotoren effizienter zu nutzen. Bislang allerdings kommt die Zwitterlösung aus Elektro- und Verbrennungsmotor nur im Stadtverkehr als wirkliche Alternative infrage, auf längeren Fahrten zeigt sie noch keine entscheidenden Verbrauchsvorteile. Die technologische Herausforderung ist daher, auch im Überlandverkehr zusätzliches Verbrauchspotenzial zu erschließen. Der Konzern setzt die Hybridtechnik bislang dort ein, wo sie am effektivsten ist: bei Bussen im Stadtverkehr. Im Pkw-Bereich arbeitet man an einem Baukasten mit flexibel einsetzbaren Hybridmodulen. Für die Zukunft gilt: Es sollen keine neuen Fahrzeuge entwickelt werden, die nicht auch eine Hybridoption erlauben.
Konventionelle Antriebe müssen sparsamer werden
Bis auf Weiteres also sind Verbrennungsmotoren nicht aus dem automobilen Alltag wegzudenken. Eine McKinsey-Studie mit dem Titel „Drive“ besagt, dass auch im Jahr 2020 Benzin- und Dieselaggregate die bestimmenden Antriebe sein werden. Bis zu 30 Prozent Einsparpotenzial sollen bei künftigen Ottomotoren möglich sein, bei Dieselmotoren sind es 20 Prozent. Und das ist auch dringend nötig. Laut Greenpeace stoßen derzeit weltweit 900 Millionen Fahrzeuge jedes Jahr rund vier Milliarden Tonnen CO2 aus, pro Liter Benzin werden 2,3 Kilogramm CO2 freigesetzt, eine enorme Belastung für die Umwelt. Da künftig immer mehr Autos unterwegs sind, im Jahr 2030 werden es mehr als zwei Milliarden sein, müssen die Antriebe deutlich sparsamer werden. Um eine Marke zu setzen, hatten sich die europäischen Automobilhersteller verpflichtet, die CO2-Emissionen ihrer Fahrzeuge von 1995 bis 2008 um rund 25 Prozent auf einen Durchschnittswert von 140 Gramm CO2 pro Kilometer zu senken. Um diesen Wert zu erreichen, hatten die Automobilhersteller aufgrund ihrer unterschiedlichen Produktportfolios auch verschiedene Zielwerte. Der Konzern konnte die CO2-Emissionen seiner europäischen Mercedes-Fahrzeugflotte seit 1995 immerhin um 20 Prozent senken, den Verbrauch in Deutschland seit 1990 um 30 Prozent.
 
 
Der Durchschnittsverbrauch von Mercedes-Benz liegt heute rund drei Liter unter dem von 1990. Verbrannten im Motor einer S-Klasse damals 14,5 Liter Kraftstoff auf 100 Kilometer, liegt der Verbrauch eines leistungsmäßig vergleichbaren S 320 CDI heute bei 8,5 l/100 km. Das ist einerseits eine Reduktion um fast 45 Prozent, andererseits natürlich auch deutlich mehr als ein Kleinwagen wie der smart, der mit drei Liter Sprit über die Runden kommt. Verbrauchsreduktion ist daher für Premiumfahrzeuge und insbesondere für die geländegängigen Sport Utility Vehicles eine besondere Herausforderung, der sich ein Automobilunternehmen wie Daimler stellen muss.
38 Prozent aller in Europa verkauften Mercedes-Benz Neuwagen verbrauchen heute weniger als 6,5 Liter auf 100 Kilometer – ein Schritt in die richtige Richtung, aber angesichts der globalen Herausforderungen noch nicht ausreichend. „Downsizing“ heißt der Trend: Durch immer intelligentere Einspritztechniken, Turbolader und Kompressoren wird aus Motoren mit weniger Hubraum mehr Leistung gewonnen, diese werden dadurch häufiger in Teillast betrieben, bei geringerem Verbrauch und weniger Emissionen. Motoren schöpfen heute gut 50 Prozent mehr Leistung aus der gleichen Spritmenge wie 1990. Vor allem Dieselaggregate sind in den vergangenen Jahren dank Common-Rail-Einspritzsystemen mit hochpräzisen Piezo-Injektoren leistungskräftiger, leiser und bescheidener geworden. Die neue Generation der Diesel-Vierzylinder, die kommendes Jahr anrollt, verbraucht etwa einen halben Liter weniger als die aktuelle Dieselmotoren-Kollektion. Vor allem aber sind Dieselmotoren heute sauberer: Daimler hat 2006 auf der North American International Auto Show in Detroit mit dem Mercedes-Benz E 320 BLUETEC und dem Vision GL 320 BLUETEC die saubersten Diesel der Welt präsentiert.
 
 
Zukunftsmusik: Der Diesel wird zum Vorbild für Ottomotoren
Jetzt wird der Diesel zum Vorbild für den Ottomotor – denn Diesel konsumieren rund ein Viertel weniger Treibstoff. Bei Daimler entwickelt man deshalb ein Antriebskonzept mit dem Arbeitstitel „DiesOtto“- Motor: ein Benzinaggregat, das gute Leistung bei geringen Emissionen und einem deutlich niedrigeren Verbrauch bringen soll. Die Zukunft des Ottomotors liegt im Werk Untertürkheim im Gebäude 143.
Hier forschen die Ingenieure an den Benzinmotoren von morgen und übermorgen. Einer von ihnen ist Günter Karl, Abteilungsleiter Vorentwicklung Ottomotoren. Er ist überzeugt, „dass wir mit dem ‚DiesOtto‘ deutliche Verbrauchseinsparungen und ein sehr geringes CO2-Emissionsniveau erreichen können“. Karl steht in einem kleinen Raum, in dem man vor lauter Technik kaum einen Schritt tun kann. Doch auf diesen knapp 20 Quadratmetern werden hochgeheime Technologien erprobt, die vielleicht schon in ein paar Jahren die Autos von morgen antreiben. Wichtigstes Forschungsmittel ist ein mächtiges Aggregat im Zentrum des Labors, ein Einzylinder, mit dessen Hilfe neu entwickelte Bauteile getestet werden. Spezialkameras filmen dabei das Geschehen im Zylinder, wenn das Kraftstoff-Luft-Gemisch zur Entzündung gebracht wird – hier wurde zum Beispiel auch die strahlgeführte Direkteinspritzung aus der Wiege gehoben. Woran man derzeit forscht, dazu will Günter Karl naturgemäß nicht viel sagen. Alles, was hinter den unscheinbaren, aber gut gesicherten Mauern geschieht, ist topsecret. Allerdings verrät Karl, dass hier an einem neuen Antriebskonzept gearbeitet wird, das einen Ottomotor so sparsam wie einen Dieselmotor machen soll. Deshalb wird dieses Antriebskonzept auch „DiesOtto“ genannt. Der Ottomotor solle Schritt für Schritt mit Technologien verändert werden, die bisher hauptsächlich von Dieselantrieben bekannt waren. Damit würde der Ottomotor zum Selbstzünder, der den Kraftstoff wesentlich besser ausnutzen könnte. Erste Technologiebausteine sind die Direkteinspritzung und die Turboaufladung. Der Motor könnte so deutlich wirtschaftlicher arbeiten.
ETAPPEN DER EMISSIONS- UND VERBRAUCHSREDUKTION
2007
Die vierte Generation der C-Klasse ist das weltweit einzige Auto seines Marktsegments mit Umweltzertifikat des TÜV
Kooperation mit GM und BMW für die Serienentwicklung eines neuen Hybridmoduls für Premiumfahrzeuge
2006
Einführung des E 320 BLUETEC in den USA
Einführung der zweiten Generation der strahlgeführten Direkteinspritzung im 3,5 l V6 CGI
2005
Im Hybrid-Entwicklungszentrum Troy beginnen Projektteams des Konzerns, General Motors und BMW mit ihrer Arbeit an unterschiedlichen Hybridsystemen wie dem
Two-Mode-Hybrid
Vorstellung des Brennstoffzellen-Pkw „F-600“ auf der Tokio Motor Show
Die neu eingeführte Mercedes-Benz S-Klasse ist das weltweit erste Auto mit Umweltzertifikat
Dieseloffensive mit neuer Generation des Drei-Liter-Sechszylinders
Weltweit erster Anbieter von Dieselfahrzeugen mit Euro 4 und geregeltem Partikelfilter
Präsentation von SunDiesel, des weltweit ersten aus Biomasse synthetisch hergestellten Dieselkraftstoffs
2003
Vorstellung der Hybridstudie „F 500 Mind“, die einen Elektromotor mit einem Achtzylinderdiesel vereint
1997
Erstes Serienfahrzeug mit Common-Rail-Technik (CDI), die Sprit spart und mehr Leistung bringt
1995
Markteinführung der ersten Generation der Direkteinspritzung im E 290 Turbodiesel
1994
Präsentation von NECAR 1, dem ersten Auto mit Brennstoffzellenantrieb
1993
Erfolgreiche Tests mit einem Parallel-Hybridantrieb in einer C-Klasse
1986
Geregelter Katalysator serienmäßig für alle Pkw von Mercedes-Benz
 
Start-Stopp-Technik soll Kraftstoffverbrauch weiter senken
Nicht nur mit dem Motor lässt sich Sprit sparen. Auch in der Aerodynamik und beim Energiemanagement, etwa bei der Klimatisierung, „liegen weitere Potenziale“, sagt Thomas Hellmuth, Leiter Gesamtfahrzeug-Vorentwicklung und Technologiestrategie der Mercedes Car Group. Laut ADAC verbraucht zum Beispiel allein die Klimaanlage bis zu 0,7 Liter Sprit auf 100 Kilometer. Und so lassen sich nach Einschätzung von Thomas Hellmuth auch mit Verbesserungen in der Steuerung von Energieflüssen im Antriebsstrang und im Bordnetz, bei der Aerodynamik und bei Nebenaggregaten, zum Beispiel der Motorölpumpe, zusammen bis zu einem halben Liter Kraftstoff pro 100 Kilometer einsparen. Beginnend mit dem smart sollen ab Ende 2007 verschiedene Fahrzeuge der Mercedes Car Group mit der Start-Stopp-Technik ausgerüstet werden, die den Motor beim Warten an einer Ampel ausschaltet und beim Loslassen der Bremse automatisch wieder startet. Das soll den Kraftstoffverbrauch weiter senken. „Es gibt viele Details, die sich optimieren lassen und die zusammen gerechnet einen beachtlichen Beitrag zu einem geringeren Treibstoffverbrauch leisten können“, so Hellmuth. Am meisten aber ist über neue Motorentechnologien zu gewinnen. So spart die neue Generation von Sechszylindermotoren von Mercedes-Benz bis zu einem Liter Benzin auf 100 Kilometer, wobei das aber nicht unbedingt bei jedem Tempo in der Steilkurve gilt. Deshalb hat Ottomotoren-Entwickler Peter Lückert den dunkelgrünen Mercedes CLS mit dem CGI-Motor nach einer Demonstrationsrunde auf der Teststrecke auch wieder in die Tiefgarage bei seinem Büro gesteuert. Er schaltet den Motor aus, das neueste Modell eines mehr als 100 Jahre alten Antriebkonzepts, dem erst einmal die unmittelbare Zukunft gehören wird. Das Herzstück der weltweiten Mobilität muss in den Forschungsabteilungen der Automobilhersteller immer weiter auf Effizienz getrimmt werden, bis irgendwann eine alternative Technik im automobilen Alltag Einzug hält, die den Verbrennungsmotor dann letztlich zu einem Anachronismus machen wird.
Hinweis
Die Informationen in der Rubrik "Nachhaltigkeit" beziehen sich überwiegend auf das Berichtsjahr 2006. Sie bilden daher nicht in jedem Fall die aktuelle Situa- tion im Unternehmen ab.
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