Forschungsfahrzeug F700:
Interview mit Dr. Thomas Weber

Dr. Thomas Weber, im Vorstand der Daimler AG verantwortlich für das Ressort Konzernforschung und Entwicklung Mercedes-Benz Cars
 
Herr Weber, der F 700 ist ein Forschungsfahrzeug, das in dieser Form mit all seinen Raffinessen ja nie in Serie gehen wird – wunderschön anzuschauen, doch leider weit weg von der Serienreife. Konkreter könnte es beim Antrieb des F 700 werden: Wann wird es die ersten DIESOTTO-Lösungen bei Mercedes-Benz geben?
Mit jedem unserer Mercedes-Benz-Forschungsfahrzeuge machen wir neue, innovative Technologien frühzeitig erlebbar, fahrbar und bewertbar. So ist auch der F 700 voll fahrfähig und funktioniert mit seinen gesamten zukunftsweisenden Eigenschaften. Die vorgestellte DIESOTTO-Technologie beispielsweise besteht aus mehreren Modulen, wobei Teile davon, wie die Direkteinspritzung, bereits heute in unseren Fahrzeugen am Markt verfügbar sind. Andere Technologiebausteine werden wir in den kommenden Jahren nach und nach in die Serie einführen. Das Gesamtpaket mit all seinen Einzeltechnologien erfordert allerdings noch etwas Entwicklungsarbeit. Unser klares Ziel ist jedoch die zügige Markteinführung. Immer schon haben wir in Forschungsfahrzeugen frühzeitig Technologien gezeigt, die dann Einzug in die Serie gefunden haben. So ging das Active Body Control aus dem C 112 im Jahr 1999 in der CL-Klasse in Serie. Ein anderes Beispiel ist das Navigationssystem aus dem Vario Research Car, das aus unseren heutigen Fahrzeugen kaum mehr wegzudenken ist. Und diese Liste lässt sich fast beliebig verlängern.
Gäbe es nicht andere verbrauchsoptimierende Maßnahmen, die schneller und kostengünstiger umzusetzen wären?
Fahrzeug- und Antriebseffizienz sind die beiden grundsätzlichen Stellhebel zur Verbrauchsoptimierung. Wir setzen an beiden an, um das Potenzial bestmöglich auszuschöpfen. So haben wir beim Thema Antrieb unsere effizienten Dieselmotoren mit BLUETEC zu den saubersten der Welt gemacht. Und mit der zweiten Generation des Benzindirekteinspritzmotors im CLS 350 CGI ist es uns gelungen, den Verbrauch im Vergleich zum Vorgängermodell um weitere zehn Prozent zu reduzieren. Diese Technologie werden wir auch in anderen Fahrzeugmodellen einführen – noch in diesem Jahr in der E-Klasse. Der andere Ansatz ist die Fahrzeugeffizienz. Hier arbeiten wir beispielsweise weiterhin an der Reduktion von Gewicht und Rollwiderstand sowie der Aerodynamik. Diese Aspekte sind auch im F 700 berücksichtigt: Sein Design ist von weichen, fließenden Formen geprägt, die unsere Designer „Aqua Dynamic“ nennen. Außerdem fährt es auf speziell für das Forschungsfahrzeug entwickelten Reifen, die den Zielkonflikt zwischen niedrigem Rollwiderstand einerseits und kultiviertem Abrollverhalten andererseits auflösen.
Wie funktioniert eigentlich das PRE-SCAN-Fahrwerk? Es bietet ja einen bisher nicht erreichten Fahrkomfort. Stellt sich nur die Frage, ob man ein solches Superfahrwerk überhaupt braucht – zumindest in den Industrieländern sind doch die Straßen gut ausgebaut.
Wir wollen uns auch in Zukunft weiterentwickeln und geben uns grundsätzlich nie mit dem bisher Erreichten zufrieden. So entstand zum Beispiel auch das PRE-SCAN-Fahrwerk. Es stellt die konsequente Weiterentwicklung unseres in Serie angebotenen ABC-Fahrwerks dar, das die Fahrzeugdämpfung mithilfe einer aktiven Hydraulik permanent an die jeweilige Fahrsituation anpasst. Das PRE-SCAN-Fahrwerk geht jedoch noch einen Schritt weiter: Optische Sensoren „tasten“ den vorausliegenden Untergrund auf Unebenheiten ab. Damit kann das Fahrzeug bereits im Vorfeld die Dämpfung des Active Body Control je nach Bedarf straffer oder weicher stellen – und zwar für jedes Rad einzeln. Wie bei einem „fliegenden Teppich“ erlebt der Fahrer Komfort auf neuem Niveau – und das gilt für alle Straßensituationen.
Beim F 700 stehen Benzinverbrauch und Komfort im Mittelpunkt. Mit welchen Themen werden sich Mercedes-Benz-Ingenieure beim nächsten Forschungsfahrzeug auseinandersetzen?
Wie gesagt, Mercedes-Benz-Forschungsfahrzeuge verkörpern unsere Vision der automobilen Zukunft. Der Bedarf an individueller Mobilität steigt auch weiterhin stetig an. Die Mobilität selbst wird sich aber in ihrem Charakter verändern, da immer mehr Menschen in Ballungszentren leben; und dieser Trend wird sich künftig noch verstärken. Außerdem werden wir insgesamt mehr Zeit im Fahrzeug verbringen. Unseren Kunden werden wir hierfür geeignete Lösungen anbieten – ohne Verzicht auf Zuverlässigkeit, Sicherheit oder Leistung. Gleichzeitig werden wir durch innovative Antriebs- und Fahrzeugkonzepte Verbrauch und Emissionen weiter senken. Das sind Ansprüche, denen ein Mercedes-Benz heute bereits in hohem Maße gerecht wird. Nichtsdestotrotz arbeiten wir daran, Trends frühzeitig zu erkennen und unsere Fahrzeuge darauf vorzubereiten. Als Erfinder des Automobils wird Mercedes-Benz nachhaltige Mobilität auch in Zukunft maßgeblich mitgestalten und seinen Kunden maßgeschneiderte Premiumfahrzeuge anbieten. Sie können also gespannt sein, denn auch mit unserem nächsten Forschungsfahrzeug werden wir innovative Lösungen aufzeigen und damit neue Standards setzen.
© 2008 Daimler AG. Alle Rechte vorbehalten.